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Thema "netz & literatur"
 
Fingerzeige des Zufalls
(Die Serendipity-Galaxis oder was die drei Prinzen aus Sri Lanka im digitalen Zeitalter zu finden hoffen)
(...) "Die Faszination des Internet besteht gerade darin, dass es sich dem logistisch-taktischen Kalkül widersetzt. Netz-Surfen ist ein gestischer Akt, der dem Netz-User in einem Gewirr von schmalen Wegen und Pfaden permanent Entscheidungen abfordert, mögen sie zuweilen auch mechanisch vollzogen werden. Der "Information-Superhighway" ist pure Ideologie. Tatsächlich gibt es eine breite, effiziente Datenautobahn, doch diese führt durch die abgeschottete Kanalisation. Das Internet ist unterminiert von der totalitären Verwaltung leistungsfähiger Maschinen, die Daten sammeln, Profile erstellen, kontrollieren, verknüpfen und verkaufen. Um diesen digitalen Verdauungstrakt zu verschleiern, repräsentiert sich das Internet-System in breiten Eingangsportalen und glitzernden Shopping-Auslagen. Wer sich hier umtut, wird freilich nur suchen, was alle finden: Porte Microsoft, AOL-Avenue. Kreativer und gewinnbringender ist es, das Internet auf verschlungenen Pfade zu durchforsten, die ihre Geheimnisse nur dem wachsamen, kreativen Blick offenbaren. Es braucht dafür Glück und Geist - oder in einem Wort: "Serendipity".

Dieser Begriff - so etwas wie ein heimliches Zauberwort für die Netzgemeinde - geht zurück auf eine Erfindung des englischen Schauerromantikers und Schriftstellers Horace Walpole (1717-1797). In einem Brief an seinen Freund Horace Mann schrieb er am 28. Januar 1754, dass er einen Talisman gefunden habe, mit dessen Hilfe er in Büchern auf Anhieb finde, was er suche: dieses Phänomen nenne er "Serendipity", nach dem persischen Märchen "Die drei Prinzen von Serendip". Diese machten "immerfort Entdeckungen durch Zufälle und Scharfsichtigkeit [discoveries by accidence and sagacity], und das an Gegenständen, nach denen sie gar nicht gesucht haben."

Tatsächlich lässt sich der Begriff "Serendipity" auf dem Internet in zahllosen Variationen wieder finden: von methodischen Theorien bis zu methodistischen Heilsversprechen wird alles mögliche damit in Zusammenhang gebracht. Dabei erweist er sich als ausserordentlich biegsam und vielseitig, in seinem Kern jedoch besagt er stets dasselbe: Ich stosse zufällig auf etwas, was meine sinnliche Aufmersamkeit erweckt und meinen Geist zu kreativen Interpretationen / Entscheidungen anregt." (...)
 
Quelle: http://www.kultur.at/kunst/raum/text01/raum003.rtf
 
Text: Beat Mazenauer



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